Kolleg*innen in Fernbeziehung: So geht mental gesunde Teamarbeit im Home Office

„Na endlich!” rufen die einen, „Bloß nicht!” die anderen. Der Vorschlag von Arbeitsminister Heil, ein Recht auf Home Office gesetzlich zu verankern, sorgt für Spannungen – besonders zwischen Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen. Während letztere den Vorschlag als unrealistisch abtun, sehen erstere die mit der Heimarbeit verbundenen Vorteile in greifbare Nähe rücken: flexiblere Arbeitseinteilung, mehr Selbstbestimmung, bessere Vereinbarkeit – und, wie Studien zeigen, damit auch mehr Zufriedenheit und Produktivität. Progressiven Verfechter*innen menschzentrierter Arbeitswelten sollte die Meinungsbildung damit einfach fallen. Oder etwa nicht?

Home is where the hard work is

Bei aller Euphorie für flexibles Arbeiten lohnt es sich, kurz innezuhalten und genauer hinzugucken. Besagte Studien zeichnen nämlich ein widersprüchliches Bild: Zwar sind regelmäßige Remote-Worker zufriedener, laufen aber auch Gefahr, gestresster und ausgebrannter zu sein. Eine Studie der International Labour Organization zeigt: Während nur 29 Prozent der Büroarbeiter*innen unter Schlafstörungen leiden, sind es bei den mobilen Mitarbeiter*innen und denjenigen, die von zu Hause arbeiten, ganze 42 Prozent. Die im Home Office näher liegende räumliche und zeitliche Entgrenzung der Arbeit öffnet zudem Phänomenen wie dem sogenannten „Leavism” Tür und Tor: Eigentlich freie Zeit wie der Urlaub oder das Wochenende werden nicht dafür genutzt, sich zu entspannen, sondern Liegengebliebenes aufzuarbeiten.

Böser Spuk für den Teamgeist

Und schließlich verunmöglicht uns die Arbeit von zuhause aus auch Dinge, die wir sonst vielleicht als selbstverständlich erachtet haben: Der kurze Plausch an der Kaffeemaschine, der aufbauende Pep Talk von der Kollegin beim Lunch. Gerade für Teams, die enge Absprachen gewohnt sind, kann die Heimarbeit den Zusammenhalt schwächen – und zur kommunikativen Zerreißprobe werden. Denn nun müssen digitale Medien und Tools das ausgleichen, was sonst vielleicht en passant geschehen ist. Das plötzliche Gefühl von Abhängigkeit von Slack, Confluence und Co. bei gleichzeitig vielleicht noch… nun ja… ausbaufähiger Zuneigung zu besagten Tools führt zu digitalem Stress. Und dieser verschlechtert nicht nur unser Wohlbefinden, sondern verringert auch nachweislich unsere berufliche Leistung.

Wir alle müssen lernen, gesund zusammenzuarbeiten

Klar ist: Die aktuelle Krise wird dem Vormarsch der Remote-Arbeitsverhältnisse einen ordentlichen Schubser verpassen. Damit Arbeitnehmer*innen mental gesund bleiben, ist seitens der Politik und Unternehmen ein verstärktes Augenmerk auf Arbeits- und Gesundheitsschutz vonnöten. Und auch wir müssen dazulernen. Denn neben gut funktionierendem Wifi und smarten Tools braucht jede*r von uns neue kommunikative und mediale Kompetenzen – und die entwickeln sich nicht von jetzt auf gleich. Neben Führungskräften müssen gerade Teams lernen, die beschriebenen psychosozialen Belastungen für sich und andere abzufedern. Die guten News? Es gibt eine Menge, was wir dafür tun können.

Techniken und Tools fürs Team

In unserer Beratungsarbeit unterstützen wir Teams im Home Office darin, entlastende Arbeitsmodi zu entwickeln, zielführender zu kommunizieren und digitale Medien gesundheitsförderlich zu nutzen. Wir vermitteln Techniken für die tägliche gemeinsame Arbeit auf Distanz und geben Tools an die Hand, mit denen das Gelernte im Team ausprobiert werden kann – so etwa ein interaktives „Team Agreement“, das die Teammates in der Umsetzung ihrer neuen Strategien unterstützt. In unseren Webinaren zeigt sich häufig, wie hilfreich sich bereits kleine Interventionen auf den Zusammenhalt, die Kommunikation und die Zufriedenheit von Teams auswirken können.

Gemeinsame Rituale entwickeln

Eine dieser kleinen Interventionen kann sein, gemeinsame Rituale zu entwickeln. Über die Kraft der Rituale wird dieser Tage ja viel geschrieben. Psycholog*innen werden nicht müde, ihre heilsame Wirkung zu betonen, wenn es darum geht, sich eine Tagesstruktur zu schaffen oder Privat- und Berufsleben auch in den eigenen vier Wänden voneinander zu trennen. Doch auch als Team können wir davon profitieren. Warum sollten wir uns schließlich nicht jeden Nachmittag weiterhin zum digitalen Kaffee verabreden und über das reden, was uns außerhalb der Arbeit bewegt? Wiederkehrende gemeinsame Erlebnisse wie diese können helfen, die Verbundenheit untereinander zu stärken und in einen besseren Workflow zu kommen. Keinen Bock auf Kaffee? Die Hochmotivierten spornt vielleicht sogar eine gemeinsame Youtube-Workout-Playlist an (zugegeben, nicht jedermanns Sache…). Probiert einfach aus, was zu euch passt und habt keine Angst, es zu verändern, sollte es nicht funktionieren.

Weitere Strategien, um die Kommunikation und Mediennutzung in eurem Team mental gesünder zu gestalten, vermitteln wir euch in unserem Webinar „Teams at Home”.

Dieser Artikel wurde am 7.5.20 bei GoodJobs veröffentlicht.